Die letzte Druidin oder die drei Arten der Liebe

Anna, eine wunderschöne und etwas verträumte junge Frau, ist hoffnungslos in Garry verliebt, den supercoolen Sportler und Erfinder der neuen Olympiadisziplin des "Schnöselns". Der hat aber nur Augen für seine sagenhaft dicktittigen, aber doofen Schnöselgirls. Anna, die schon als Kind mit Pflanzen und Hunden gesprochen hat und gelegentlich Kaffeetassen durch die Luft segeln läßt, ohne sie anzurühren, entdeckt, daß sie ganz besondere Fähigkeiten besitzt. Vielleicht ist das ein Weg, Garry zu gewinnen. Sie sucht Rat bei ihrer nymphoman-lebensfrohen Oma Krahwinkel, der letzten Druidin, welche die seit Jahrhunderten andauernde Hexenunterdrückung überlebt hat. Die besitzt ein uraltes Zauberbuch - an dem aber leider auch die gefährliche "Kartenbande" sehr interessiert ist. Anna wird samt Zauberbuch entführt, der Detektiv und Fassadenkletterer Buster verliebt sich in sie und setzt alles daran, sie zu befreien, während sich Anna der Avancen des geheimnisvollen Oberschurken "As" erwehren muß...

Buchauszug:

Anna ist aus dem Stoff gemacht, der Menschen früher dazu gebracht hat, wegen einer Gedichtzeile Hitzewallungen zu bekommen. Sie kann von einem schönen Bild so berührt sein, dass sie weinen muss. Früher sind Liebende ja einfach vor Kummer gestorben, oder sie haben Gelübde abgelegt, nie wieder ein Wort zu sprechen, oder haben sich in ein Zimmer voller Fliederblüten gesperrt, um sich so das Leben zu nehmen. All solche Sachen liegen Anna wesentlich näher, als sich in 'ne Dorfdisco zu stellen und mit Whisky-Cola zuzusaufen.

Sie musste sich von Anfang an ihren ganz eigenen, schwierigen Pfad durchs Dickicht der Jugend suchen, weil ihr Gehirn offensichtlich auf andere Art formatiert wurde als das ihrer Mitschüler. Wie in dem Märchen vom hässlichen Entlein fand sie nirgends ihresgleichen, aber sie versuchte erst gar nicht mit den Hühnern zu gackern oder mit den Hunden zu bellen, sondern sie schottete sich ab und hielt die Klappe. So hat sie gelernt, ganz alleine, ohne Hilfe und Zuwendung von außen, quasi genügsam wie eine Bergziege zu überleben. Als die anderen mit Aufriss beschäftigt waren und rauszukriegen versuchten, wie viele verschiedene Formen von Liebe sich in der Disco bei Whisky-Cola finden lassen, war Anna an einer ganz anderen Baustelle tätig.

Sie hat sich ein Pflanzenhaus konstruiert und gebaut, in dem auch ein Mensch leben kann. Umgeben von ihren stärksten Verbündeten, den Pflanzen, hat sie sich ein Energiefeld geschaffen, in dem sie endlich frei atmen konnte. Dieses Botanikum war zugleich ihr eigenes Biotop, ihre eigene kleine intakte Welt, und so konnte sie sich still und leise doch zu dem entwickeln, was sie immer sein wollte, nämlich eine Verbindung zwischen den Welten, den verschiedenen Formen der Wahrnehmung.

DIE FRAU AUS DEN WÄLDERN IM GROSSSTADTDSCHUNGEL

Anna hat eine verwirrende Zugfahrt hinter sich gebracht. Sie fühlt sich wie eine Pflanze, die immer zurückgeschnitten wurde, ihren viel zu kleinen Blumentopf sprengen konnte und jetzt endlich versucht, in freier Wildbahn Wurzeln zu schlagen.

»Hoffentlich kommt einer, der mich gießt«, denkt sie bei sich und taucht ein in den Bahnhofstrubel der unbekannten großen Stadt. Vorbei an einer Gruppe von Kindern, die ein altes Lied wie ein Mantra immer wieder vor sich hin singen: »Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, meine Oma hat Klosettpapier mit Rüschchen, meine Oma hat 'ne Brille mit Gardinen, meine Oma ist'ne hochmoderne Frau.« Das ganze Fußgängeruntergeschoß hallt wider, und Anna schluckt ein paar Tränen runter, die mit zwanzigjähriger Verspätung plötzlich auf diesem Bahnsteig eintreffen'.

Der Taxifahrer legt einen Blitzstart hin, nachdem er sie vor dem verwahrlosten Siebziger-Jahre-Hochhaus abgesetzt hat. Diese Ausgeburt architektonischer Gewissenlosigkeit steht allein auf dem schuttüberhäuften,
verwahrlosten Parkgelände am Stadtrand und trotzt erfolgreich seit vielen Jahren jeglichem gesunden Menschenverstand.

Anna ist unglücklich und enttäuscht, denn sie hätte den Begriff »Großmutter« so gerne neu für sich besetzt, wie andere Kinder auch: mit Spitzendeckchen hinter Blumenvorhängen und Plätzchenduft in der Luft, im kleinen Häuschen mit Gemüsegärtlein. Aber nein, dieses Haus und das Drumherum lassen alle Warnungen ihrer Mutter wach werden, die wie Rillen in den Schellack ihrer Seele eingegraben sind. Trotzdem stapft sie tapfer auf das Haus zu, mit aller Kraft das unangenehme Kribbeln der schlechten Vorahnungen ignorierend, das ihre Nackenhaare wie tausend winzige Antennen auffangen. Dabei müßte sie nur den Blick heben, um sich Klarheit zu verschaffen über den Ursprung ihres berechtigten Unbehagens.

Auf einem der Balkone steht Natterlie und blickt auf Anna herab. Sie läßt den glatten Körper ihrer Lieblingsnatter regelmäßig rhythmisch durch ihre Finger gleiten wie ein Moslem die Perlen seiner Gebetskette. Immer wieder und wieder.

Anna geht in das Haus und ruft mit unsicherer Stimme: »Oma? ... Oma, bist du da?«

Obwohl sie eben noch von hoch oben auf sie heruntergeblickt hatte, steht Natterhe plötzlich unten im Hausflur. Sie winkt Anna zu sich, öffnet mit Grabesriiiiene die Aufzugtür, läßt die wie hypnotisiert wirkende Anna wortlos eintreten, stellt sich wie ein Liftboy daneben und betätigt die Knöpfe: siebter Stock. Die Türe fällt zu, und ein Geräusch wie von rostigen Kreissägen durchfährt die seltsame Stille, als der altersschwache Lift sich nach oben kämpft - nicht runter in die Hölle, was Anna in diesem Szenario nicht weiter überrascht hätte.

Kiepenheuer & Witsch, 1998; ISBN: 3462027689